Lapplandwinter

Ein Lappland-Winter-Abendteuer.

Es war im Februar 1996 als ein lange geträumter Traum in Erfüllung gehen sollte. Waltraud liebt den Winter und ich das Abendteuer, und so planten wir eine Erlebnisreise mit unserem „Mecky“, (Motorcaravan) durch die Winterlandschaft von Lappland und der Polarmeer Küste. Die Planung dieses Winterabendteuers war abgeschlossen. Unser Mecky stand vor unserem Grundstück auf der Straße, fertig für die Abfahrt. Auf dem Dach des Caravans, waren vier komplette mit Spikes bestückte Räder an der Reling befestigt. In den Breitengraden welche wir in diesem Winter für etwa drei Monate bereisen wollten, wird es geradezu als Todsünde geahndet, ohne Spikes auf die Straße zu gehen.
Hier bei uns hatte sich ja der Winter in den letzten Jahrzehnten immer mehr zurück gezogen, so dass wir uns oft ein bischen mehr Schnee gewünscht hatten. Und genau dieser Wunsch ging in der Nacht vor unserer Abreise in den Norden in Erfüllung.

Januar 1996 Neuschnee wie bestellt.

 

So war es eigendlich nicht geplant, aber in dieser Nacht fiehl im gesammten Norddeutschland und in den angrenzenden Ländern Dänemark und Schweden weit über einen Meter Neuschnee.

unsere Auto-Rutschbahn

Alle Straßen die von uns aus zu einer Fährverbindung in Richtung Skandinavien führten wurden gesperrt. Unsere Abreise mußte um einen Tag verschoben werden. Unsere Spikereifen vom Dach durften wir in Deutschland nicht montieren. Es gab da keinerlei Ausnahmegenemigungen.
Und so begann unser Laplandwinter schon vor unserer Haustür mit einem Abendteuer. Der Caravan stand mit Unterlegkeilen auf unserer Gefällestraße, und wir, Waltraud und ich, befanden uns am Haus, als Waltraud rief, „Harry der Wagen“ Dieser hatte sich ganz langsam bergab in Bewegung gesetzt. Ich weiß nicht wie ich es geschaft habe, aber ich erreichte die Fahrertür, schwang mich auf den Sitz, und konnte den Motor mit dem noch im Schloß befindlichen Schlüssel starten.
Zitternd am ganzen Körper konnte ich den Wagen auf der Straße halten und kam ohne Schaden anzurichten unten am Berg zum stehen. Ich legte Schneeketten auf um wieder den Berg hoch zu kommen und so hatte ich noch vor unserer Abreise eine schwierige Winterfahrprüfung bestanden.

In den vergangenen zwölf Jahren, sind wir auf unseren Erlebnisreisen  durch Nordskandinavien immer wieder einmal durch Winterlandschaften gekommen, auch wenn der Winter auf dem Kalender schon lange vorbei war. Auf der Strecke über die „Riksgrense“ von Kiruna in Nordschweden, nach Narvik in Norwegen, begegneten wir dem Winter auch noch bis in die zweite Juniwoche. Der Tornetresk, ein achtzig km langer See, lag da noch unter einer festen geschlossenen Eisdecke. Der Gebigszug auf der anderen Seite der Straße, über den auch die Erzbergbahn von Kiruna nach Narvik rollt lag noch im Tiefschnee. Das Gebiet ist auf der schwedischen Seite voll für den Wintertourismus erschlosssen und  bei dieser Wetterlage waren noch einige Skilifte in Betrieb, obwohl nur noch wenige Ski-Touristen zu sehen waren. Sicherlich hatte sich der Winter in dem Jahr besonders lange gehalten.
Wenn wir auf unseren Touren in den Norden die „Riksgrensen“ passieren, legen wir in der Regel am Tornetresk eine Übernachtungspause ein, und so auch in dem Jahr. Als wir uns gerade zum bleiben eingerichtet hatten, kamen zwei Wohnmobiele mit Anhänger und ließen sich neben uns nieder. Dann hatten wir ein Erlebnis besonderer Art. In jedem Anhänger befanden sich zwölf Kabienen, in denen je ein Husky untergebracht war, der jetzt aus seiner Kabiene geholt und angeleint wurde. An je einer langen Spannleine wurden die Hunde in zwei Gruppen so angeleint das kein Husky den anderen erreichen konnte. Anschließend bekam jeder ein etwa Faustgroßes stück mageres Fleisch. Jedes Tier benahm sich beim fressen anders. Einzelne schlangen ihre Ration in einem mal runter, aber die meisten frassen richtig langsam und andächtig.
Als das erledigt war begann plötzlich ein fürchterliches geheule was nicht mehr aufhören wollte. Ich weiß nicht mehr wie lange es anhielt, aber wir überlegten ernsthaft den Platz zu verlassen, obwohl es sehr unsicher war bei der Schneewetterlage einen neuen zu finden. Dann erledigte sich auch dieses Tema. Die Huskys wurden wieder einzeln in ihre Kabienen gebracht und sofort war absolute Ruhe eingekehrt.
Am nächsten Morgen, die Hunde waren wieder angeleint, bekam jeder einen Napf mit Fleischbrühe hingestellt die genüßlich ausgeschlürft wurde, bevor sie von ihren Herrchen nacheinander beschmust wurden. Meine Frage ob die Hunde böse sind wurde mit nein beantwortet, und so traute ich mich zu dem ersten um ihn zu tätscheln. Jetzt hatte ich etwas angefangen. Alle Huskys gebärdeten sich wie besessen bis ich jeden einzelnen begrüßt hatte.
Anschließend kamen beide Rudel in ein Geschirr vor einen Hundeschlitten um anschließend schnell im Gelände zu verschwinden.

Nun zurück zum wirklichen  „Lappland-Winter-Abendteuer“

Nach der Rutschpartie vor unserem Grundstück konnte uns fast garnichts mehr erschüttern, und  trotz stark verschneiter Straßen erreichten wir den Fährhafen der Vogelfluglinie in Puttgarden ohne große Schwierigkeiten.
Als wir am nächsten Tag Dänemark und Schweden erreichten, hatte da das Militär sämtliche Hauptverkehrswege mit Panzerfahrzeugen vom Schnee geräumt. Sogar einige Parkplätze waren von den Schneemassen befreit. Es machte mir irsinnigen Spass auf diesen Straßen unterwegs zu sein. Zumal nur sehr wenige Fahrzeuge auf den Straßen zu sehen waren.
Der Winter im Jahr 1996 war selbst für die „Nordländer“ absolut ungewöhnlich. Der Schnee lag überall mehr als „meterhoch“ In Mittelschweden lag der riesige Vänern und auch der Vättern-See unter einer geschlossenen dicken Eisdecke. Ich habe das in den vollgenden fünfzehn Jahren bis heute nicht mehr erlebt. Im Jahr 96 konnte man hunderte Menschen über das Eis laufen sehen. Ich glaube dass eine ganze Generation das nur einmal erlebt hat.
Durch unsere mehrmonatigen Unternehmungen in den vergangenen Jahren,  hatten wir in den nördlichsten Breitengraden, im Frühjahr und im Herbst, auch Wintereinbrüche kennen gelernt. Trotzdem bestand unser Hauptwissen über den Winter, aus Erzählungen norwegischer Freunde. Unseren ältesten Freund lernten wir 1985 am Lavangen-Fjord, nördlich der Lofoten kennen. Er war im Straßenbau und dadurch automatisch im Winterdienst tätig.
Nach seinen Beratungen hatte ich unseren Motorcaravan aufgerüstet. Die Bestückung mit „Spike-Decken“ war einfach selbstverständlich. Genau so wichtig waren zusätzliche Heizquellen.

Da freut man sich schon über fünf Grad Wärme im Wagen.

In der Finnmark, in Nord-Norwegen, fallen die Temperaturen in den Nächten nicht selten bis fünfzig Grad unter Null. Dagegen war unser Mecky neben der Gasheizung von Truma, mit einer sieben KW Dieselheizung und einer zwei KW Elektroheizung ausgerüstet. Um diese Geräte in freier Landschaft nutzen zu können braucht man Strom. Die Baterien sind schnell leergesaugt, und den Motor kann man auch nicht immer laufen lassen. Auch eine 11 Kg Gasflasche reicht bei diesen Temperaturen nur bis 30 Stunden. Also gehörte auch ein Stromagregat und der entsprechende Treibstoffbehälter zur Ausrüstung. Trotz dieser Einrichtungen erreichten wir nicht immer Plussgrade in unserem Mecky. Unser Trinkwasservorrat wurde über Nacht  immer wieder mal hart bevor er auf die Gasflamme kam.
Zusätzlich zu diesen ganzen Vorkehrungen gehörte ein korekter Energieplan. In den nördlichsten Regionen der Finnmark liegen die Versorgungsmöglichkeiten schon mal mehr als 200 km auseinander.

 

Ein Ausschnitt aus meinem Buch: „Fast ein ganzes Menschenleben“ (Auf holprigen Wegen vergangener acht Jahrzehnte)

Der polare Winter:

Ganz selten begegneten wir noch einem anderen Fahrzeug. Die Straßen waren nur noch einspurig mit Møtestellen (Ausweichstellen) geschoben, und so manche Strecke machte eher den Eindruck einer etwas zu breit geratenen Bobbahn.

eine geschobene Bobbahn

Wenn die Sonne durchkam und das Thermometer am Tag nur wenige Kältegrade zeigte, empfand ich geradezu eine milde Wärme. Doch bei bedecktem Himmel und in der Nacht, zeigte unser Thermometer immer wieder einmal neunundzwanzig Grad minus an.

Campingplätze oder Hotels fanden wir jetzt nicht mehr. Und so über-nachteten wir da, wo wir gerade stehen bleiben konnten. Dank unserer Dieselheizung erreichten wir immer eine ausreichende Wärme in unseren Schlafsäcken.

Im Daunensack ist es sogar richtig warm.

So unwohl, wie ich mich oft in Deutschland bei einer Tem-peratur um die null Grad fühle, war mir in Lappland nie. Auch dann nicht, als wir in Höhe des Inari Sees erfuhren, dass das geeichte Thermometer in den letzten Nächten mehr als vierzig Kältegrade angezeigt hatte.Nach dieser Erfahrung stellten wir dann fest, dass unser elektronisches Thermometer bei neunundzwanzig Grad minus in den Ruhestand verfiel. Deshalb war es in unserem Wagen nie kälter.

Vor der Neiden-Grenze nach Norwegen war der Supermarkt tatsächlich geöffnet. Auf dem Parkplatz standen nur zwei oder drei Kundenfahrzeuge, und in dem großen Laden waren auch nicht mehr Kunden zu sehen. Vorher, in Inari, waren alle Läden außer einem Lebensmittelgeschäft geschlossen. Wir kauften jetzt  was wir für die nächsten Tage so brauchten. und ein großes Stück gegrillte Schweinerippe, die wir hier im Sommer als Delikatesse kennengelernt hatten,

Wenige Kilometer weiter, hinter der Neiden-Brücke, blieben wir für zwei Nächte auf dem Campingplatz.

Übung für Anfänger über sechtzig Jahre.

Auch hier waren wir wieder die einzigen Gäste und das für einhundert Kronen pro Nacht. Hier trainierten wir mit unseren Skiern, im Tiefschnee durch die Wildnis zu laufen.
Am Donnerstag, den 20. März 1996, konnten wir in Tanabru nicht nur den Dieseltank füllen, sondern auch die leere Gasflasche in eine volle umtauschen. Von da aus wollten wir über das Kongsfjell nach Berlevåg. Da hatten wir im Sommer ein schweizer Ehe-paar in ihrem Hotel kennen gelernt.
Als wir den Parkplatz am Wegbaum vor dem Kongsfjell-Pass erreichten, fing es an dunkel zu werden. Von da aus führt eine sechzig Kilometer lange Strecke auf den Pass und eine ebenso lange wieder hinab bis Berlevåg.

Im Sommer ist die Hütte bewohnt.

Diese Strecke wird im Winter viermal am Tag, nach einem festen Fahr-plan, von einem Brøytebil (Schneeflug) geräumt. Jeder, der diese Strecke mit dem eigenen Fahrzeug befahren möchte, kann das nur nach Fahrplan und unmittelbar hinter dem Brøytebil tun. Wir wollten am nächsten Morgen bei Tageslicht dem Schneeflug als letztes Fahrzeug folgen.

Auf dem Parkplatz stehend bekamen wir am Abend Besuch von dem Brøytebil-Fahrer, mit dem wir uns länger unterhielten und der als Kaffee-trinker trotzdem eine Tasse Tee mit uns trank. Ich fragte ihn noch, ob ich meine Schneeketten montieren soll, aber er meinte, dass die Speikreifen durchaus genügen.Am anderen Morgen lag das Land unter einer hohen Neuschneedecke, es wehte ein starker Wind, und ein Schneeschauer löste den anderen ab.
Pünktlich um sieben Uhr fuhren wir als letztes von vier Fahrzeugen hinter dem Brøytebil ins Fjell. Es ging erst recht schnell, und im dichten Schnee-fall verlor ich meine sturmerfahrene Führungsriege aus den Augen.

Es war wirklich so, dass ich sofort keine Straßenbegrenzung mehr ausmachen konnte. Aber dann sah ich das Blinklicht des Pfluges wieder vor mir und bemühte mich auch, dran zu bleiben. Nach sechzig aufregenden Kilometern hatten wir die Straßenwachtstelle auf dem Pass erreicht, wo schon ein paar Fahrzeuge und ein zweites Brøytebil, die von der Nordseite hoch kamen warteten.
Jetzt sah ich auch, dass die ganze Strecke bergauf, noch ein Straßenwacht-fahrzeug zur Absicherung hinter mir hergefahren war, was ich in dem Schneetreiben nicht bemerkt hatte. Nach einem Plausch mit unserem bekannten Brøytebil-Fahrer, der uns seinen Besuch in Deutschland ankündigte, fuhren wir unter neuer Führung bergab nach Berlevåg.
Vor dem Hotel des Schweizer Ehepaares war ein Stück Parkfläche freige-schoben, und wir stellten uns gleich an den Stromanschluss neben dem Eingang. Die Tür war nicht verschlossen, und auch im Haus stand die Tür in einen Gästeraum weit auf.
Auf der Bedienungstheke neben einem Telefon stand auf einem Zettel geschrieben, dass man anrufen könne, oder dass man sich an bereitgestellten Getränken bedienen und warten könnte.

Wir taten beides nicht, sondern zogen uns warm an und machten einen Spaziergang durch den Ort. Im Ort, der ja direkt am Ufer des offenen Eismeeres lag, gab es nicht so viel Schnee, dass es sich gelohnt hätte, die Skier anzuschnallen.
Es wehte ein eiskalter Wind und die Meeresbrandung sah zum Fürchten aus. So kamen wir nach zweieinhalb Stunden zurück ins Hotel. Die Schweizer warteten auf uns, und wir hatten viel zu erzählen. Schließlich waren wir die ersten deutschsprachigen Gäste, welche je im Winter bei ihnen aufgetaucht waren. Alle anderen haben nur im Sommer davon gesprochen.

 

3 Gedanken zu „Lapplandwinter

  1. Hallo Harry und Waltraud,

    bei diesen herrlichen Bildern bekommt man direkt Fernweh. Wir haben schon öfter hier gestöbert.
    Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Seite.
    Die hat uns so neugierig gemacht, dass wir uns auch dein Buch gekauft haben. War leider viel zu schnell zu Ende. Wir wünschen euch alles Gute und noch viele schöne Reisen.

    Liebe Grüße aus Bad Laasphe

    • Hallo Jürgen. Ich freue mich über dein Interesse an meiner Webseite. Wie bist du darauf gekommen. War es Zufall? Ich denke, mit deinem Interesse möchtest du dein Geschäft beleben. Mit meinen Reisen in den letzten dreißig Jahren habe ich nicht an irgendein Geschäft gedacht. Ich wollte nur mit „meiner Waltraud“ immer wieder die Einsamkeit in echter Wildnis erleben, und diesen Wunsch konnten wir uns in Nordskandinavien am besten erfüllen.
      Seit 2010 erkannte ich dass das irgendwann einmal aufhören wird und habe das Buch, „FAST EIN GANZES MENSCHENLEBEN“ geschrieben. Aber wer kauft schon ein Buch von einem völlig unbekannten Autor. Dich könnte das sicher interessieren. Und mit deinem Einsatz könnte auch mein Buch „Fast ein ganzes Menschenleben – Auf holprigen Wegen vergangener acht Jahrzehnte“ etwas Aufmerksamkeit erregen.

      Sei gegrüßt von Harry.

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